2008-03-03

Zwedru, Grand Gedeh County, 03. März

Zwedru ist Samuel K. Doe town. das militär putschte ihn 1980 an die macht. keine neun jahre später wird er sowohl die macht als auch seine zwei ohren und sein leben verlieren. in den jahren dazwischen fand er zeit für diverse massaker an der zivilbevölkerung, den bau einer vierspurigen, laternenbeleuchteten strasse durch Zwedru City und den bau eines beachtlichen eigenheims, Samuel-K.-Doe-Palace genannt. durch die ruine fegen heute der wind, die schwalben, Tipothey und seine bande. Tipothey meint „K. Doe, e'oh, he was the president of Liberia. He was not bad, e'oh!“ er rapt beim sprechen mit der rechten hand. jeden tag kämen sie hier her. sie toben im pool, der mit der flagge Liberias gekachelt ist. sie streichen durch die labyrinthischen gänge, kammern, keller, ehemaligen badezimmer. einmal, so Tipothey, hätten sie sich in den keller getraut, allein mit dem licht von streichhölzern, und einen schädel gefunden. ein unterirdischer gang würde bis in den entlegenen busch führen. keiner von uns hat sich da runter getraut. die kids haben mit den jahren die gleichen farben wie das Doe-haus angenommen. ocker, braun, staubgelb. schwer zu sagen, ob das haus sie oder sie das haus beherrschen.

2008-02-28

mit dem helikopter der vereinten nationen geht’s zwei stunden nördlich nach Zwedru. der vogel ist russisch, die drei-mann-crew aus der ukraine. die passagiere: ein hagerer äthiopischer UN-soldat auf dem weg zu seinem bataillon, eine blasse deutsche journalistin, sixpacks mit trinkwasser, eine ölpumpe. der ukrainische pilot trägt unglaublich spitze slipper aus staubigem schlangenleder. oder ähnlichem. sein „welcome on board lady and gentleman …„ ist gerade noch zu verstehen. der rest geht unter in einem strengen akzent und dem schneidenden lärm der rotorblätter. wir folgen seinem fingerzeig auf schwimmwesten und ausstiegsluken. der äthiopier zieht den gurt noch fester. ich dann auch. während wir uns in 2.500 fuss höhe schrauben, ducken sich die zurückgelassenen blauhelme ins kniehohe gras. zum trocknen ausgelegte wäsche wirbelt auf, kinder rennen, lachen, winken. ein helikopter erhebt sich aus lehmhütten. der regenwald – ein pelztier in grün, das meer schwappt milchblau an den rand liberias. schluss mit der poesie.

2008-02-26

Fishtown City, River Gee County, 26. Februar, 09:24
Martha Watkins kocht reis und bohnen. für andere, für sich selbst, für mich. seit gut zwei jahren kocht Martha für andere. manchmal kassava, manchmal süsskartoffeln, aber immer reis. sie ist ein wenig fahrig an diesem morgen, ja, doch nicht bemerkenswert anders. sie verschüttet etwas wasser auf dem boden, wischt es auf, verschüttet wieder wasser, wischt es auf. Sie schüttelt mit dem kopf. Martha verabschiedet sich mit den worten, das essen für den tag sei zubereitet. keine zwei stunden sind vergangen, die erste zeugenaussage vor der Truth and Reconciliation Commission, der wahrheitskommission, abgeschlossen, da wird in den zeugenstand gerufen: witness Martha J. Watkins. sie streckt die rechte hand in die höhe, die linke liegt auf der bibel „I Martha J. Wathins, I promise to tell the TRC the truth, nothing but the truth, so help me god.“ Martha setzt an und wird die nächsten 56 minuten nicht mehr aufhören zu sprechen. Wahrscheinlich starb Martha Wathkins ehemann an einem nachmittag im april 2003. er starb mit 368 anderen. einigen wurden vorher nägel durch beine und handflächen getrieben. was Martha selbst geschah erzählt sie nicht.
bis 21:00 uhr werden noch 10 weitere zeugen gehört. opfer und täter, manche von ihnen sind beides zugleich. Fishtown erzählt vom krieg. das geht so über tage, über wochen, monate.


am nächsten abend gibt’s ein fussballspiel, die zweite attraktion in dieser woche. die männer am spielfeldrand trinken royal club bier. die frauen auch. Trinkwasser muss mit UN-hubschraubern eingeflogen werden. „in Fishtown you won’t find anything. not even fish.“ sagen die liberianer, selbst die aus Fishtown. doch: trockenfisch gibt’s. den tragen die frauen die 80km von der küste bis hier her.

2008-02-21

o.k. er war da. was darüber zu sagen wäre: einen tag zuvor strichen die Monrovier ihre stadt an, auch die bürgersteige, vornehmlich in den farben blau, weiss, rot. staubkehrerinnen, so viele wie kaum zuvor, bauten in 10-meter-abständen kleine schutthaufen entlang der strasse, die 5 kilometer durch die stadt, die die limosine abfahren wird. man stellte neumodische strassenlaternen auf. strom dafür gibt es keinen. man verteilte u.s.-amerikanische und liberianische fähnchen. schüler säumten in ihren blitzeblanken gelb-braunen uniformen die strassen. für die etwa 300-mann starke crew liess man wasser einfliegen aus washington. vor der küste patrouillierten drei kriegsschiffe. bush versprach eine million lehrbücher für die schüler liberias. und moskitonetze. sein besuch währte sechs stunden.

2008-02-20

morgen kommt er. g.w.b.
ab 6:00am wird die stadt geschlossen. nichts geht mehr. kein privatfahrzeug, kein händler, kein mobilfunknetz. stillstand und habacht.

2008-02-16

Zorzor, Voinjama, Kolahun - mit 30km/h pro stunde kämpft sich der landrover in den norden. Foya, ein dorf mit vielleicht 300 seelen, strom aus versprengten generatoren, keiner tageszeitung, einem zerstörten radiosender, einem entertainment center und reis, viel reis. Mposho isst reis am liebsten drei mal täglich, kratz mit der gabel die letzten körner zusammen und setzt nach, wenn er's sich denn leisten könne. Mposho trainiert die hiesige fussballmannschaft, lehrt schiedsrichter, was richtig und falsch ist, auf dem spielfeld und im leben, Mposho zieht ein bein nach. ich hab ihn nicht gefragt, warum. Foya hat schon viel gesehen, kriegsverbrechen aller art, flüchtlinge aus dem süden, flüchtlinge aus Sierra Leone, rückkehrer aus Guinea und wieder flüchtlinge aus dem süden. in nebensätzen erfährt man von vermissten brüdern, verschleppten vätern, namenlosen toten. und: Foya feiert. den frieden mit einem peace carnival, mit megafonen, mit blumen im haar.
gut, hier her gekommen zu sein.

2008-02-13

morgen: raus aus der stadt, weg vom meer, hoch in den norden, sierra leone ist nicht weit, guinea auch nicht: Voinjama.
12 stunden fahrt, dann liegen wir gut in der zeit. kein internetz und wein, nur cracker und wasser.
Mary, Voctoria und Mary J. sorgen für den glanz des Sentinel Pavillion. jeden tag putzen sie dessen stumpfen marmor blank, polieren die holzgeländer für den verschwitzten griff der besucher.

rot, weiss, blau - der Sentinel blitzt in den farben Liberias. hier kommt man dem gründungsmythos auf die spur.

2008-02-12

wiedersehen mit alten bekannten

gestern sah ich chinesische instrukteure, die atemlose liberianische strassenarbeiter dazu anhielten, den asphalt auch richtig zu kehren. die chinesen bauen eine neue strasse hier. der asphalt reicht offenbar nur für die eine flucht durch die stadt, den Tubman Boulevard. an anderen stellen ist man eiligst bemüht, die schlaglöcher mit sand aufzufüllen. viel sand. alles für den besuch von präsident Bush. eine woche haben sie noch.
ebenfalls in chinesischer hand: zwei sushi-bars, eine pleasure-bar mit roter laterne.

monroe monrovia - the love of liberty brought us here

hot hot hot. wet wet wet. der klimawandel macht auch hier die trockenzeit zu einem unsicheren unterfangen. Quashi meint, die Liberianer leben saisonal: jedes business will in der trockenzeit erledigt sein. der rest ist warten auf ebendiese.
wäre da nicht das permanente dröhnen der generatoren, man könnte zikaden und meeresrauschen hören. die wellen schlagen keine 50 meter vor meinem fenster ans ufer. in das meer geht aber kaum jemand, da die strömung alle zwei monate einen menschen mit sich zieht, hinaus, sagt Quashi.

Quashi sagt auch, „Stefan' list’n, Liberia is diffrn’t dan any ather cantry in da world.“

2008-02-07

casablanca, 07.02.2008, 17:10
transitraum.
angenehm zeitlos. entschleuningt.
nichts sonst.

2008-02-06

val karne


die letzten minuten in kölle.
meine güte karneval.köln in habacht. erste kühe stromern durch die strassen.den rhein lässt's kalt. glaub ich.